Der Neuntöter

Der Neuntöter (Lanius collurio) ist ein kleiner, aber wehrhafter Singvogel, der für seine ungewöhnliche Methode der Vorratshaltung bekannt ist. Er ist ein charakteristischer Bewohner von dornigen Hecken und Sträuchern. Trotz seiner geringen Größe erinnert er mit seinem kräftigen Hakenschnabel und seinem Verhalten oft eher an einen kleinen Greifvogel als an einen typischen Singvogel. Der Neuntöter ist ein klassischer Ansitzjäger. Er sitzt meist gut sichtbar auf einer erhöhten Warte – einem Weidezaun, einem abgestorbenen Ast oder einer Buschspitze – und scannt aufmerksam die Umgebung, um blitzschnell auf Beute am Boden herabzustoßen oder Insekten geschickt im Flug zu fangen.

Größe: 16–18 cm
Gewicht: 25–35 g
Spannweite: 24–27 cm
Erscheinungsbild: Kräftiger, hakenförmig gebogener Schnabel; das Männchen besticht durch einen blaugrauen Kopf, eine auffällige schwarze „Verbrechermaske“ über den Augen und einen rotbraunen Rücken; das Weibchen ist unauffälliger braun gefärbt, mit einer helleren, leicht geschuppten Unterseite und einem dunkelbraunen Ohrfleck anstelle der Maske.
Art: Singvogel aus der Familie der Würger (Laniidae)
Lebensraum: Offene, sonnige Landschaften mit dichten Hecken und Dornensträuchern (wie Schlehe oder Weißdorn), Streuobstwiesen, Trockenrasen und Waldränder.

Vorkommen

Der Neuntöter ist in weiten Teilen Europas sowie im westlichen Asien verbreitet. Er benötigt strukturreiche Kulturlandschaften mit einem guten Angebot an dornigen Sträuchern und vielen Insekten. In Deutschland ist er ein weit verbreiteter Brutvogel, dessen Bestände jedoch durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den Verlust von Hecken stark gelitten haben. Im Gegensatz zum Sperber ist der Neuntöter ein echter Langstreckenzieher. Er verlässt uns im Spätsommer, um den Winter im südlichen Afrika zu verbringen, und kehrt erst spät im Mai in seine Brutgebiete zurück.

Nahrung und Verhalten

Der Neuntöter ernährt sich hauptsächlich von Großinsekten wie Käfern, Heuschrecken, Bienen und Hummeln. Wenn die Gelegenheit günstig ist, erbeutet der kräftige kleine Vogel aber auch Wirbeltiere wie Mäuse, Eidechsen oder seltener sogar kleine Singvögel. Berühmt ist er für seine namensgebende Methode der Vorratshaltung (der Volksglaube besagte fälschlicherweise, er müsse erst neun Beutetiere töten, bevor er sie frisst): Er spießt seine Beute oft auf die Dornen von Sträuchern oder an Stacheldrahtzäune auf. Diese Vorratskammern (Spießplätze) dienen als eiserne Nahrungsreserve für Schlechtwettertage, an denen er nicht jagen kann oder Insekten inaktiv sind.

Brutzeit und Aufzucht

Die Brutzeit beginnt meist im Mai oder Juni, kurz nach der Rückkehr aus den Winterquartieren. Das Nest wird napfförmig und meist sehr gut versteckt im Inneren von dichten, oft dornigen Sträuchern (wie Weißdorn oder Heckenrose) aus Halmen, Moos und Wurzeln erbaut. Ein Gelege umfasst in der Regel 4–6 Eier, die fast ausschließlich vom Weibchen etwa 14–16 Tage lang bebrütet werden. Während dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen mit Nahrung versorgt.

Die Küken sind Nesthocker. Nach dem Schlüpfen werden sie von beiden Elternteilen unermüdlich gefüttert. Nach etwa 14–15 Tagen verlassen die Jungvögel das Nest. Sie sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll flugfähig und klettern als sogenannte „Ästlinge“ im dichten Gestrüpp umher, wo sie noch weitere zwei bis drei Wochen von den Eltern gefüttert und betreut werden.

Stimme

Der Neuntöter ist kein besonders lauter Sänger. Sein eigentlicher Gesang ist ein leises, oft anhaltendes Schwätzen, in das er geschickt die Stimmen anderer Vogelarten einflicht (Imitation). Wesentlich auffälliger sind seine Ruf- und Warnlaute. Bei Gefahr oder Störung in Reviernähe äußert er ein raues, kratzendes „tschää“ oder „wää“ sowie ein hartes, schmatzendes „tschack“. Diese markanten Laute sind für aufmerksame Beobachter oft der erste Hinweis darauf, dass sich dieser kleine, maskierte Jäger in der Hecke aufhält.